Magdeburg

"Wie der Tau auf die Blume..."

Projektbeschreibung

Projekt in der St.Sebastian Kathedrale Magdeburg
(5.Mai 2005 bis 26.Mai 2005)


Der Titel des Projektes lautet in seiner Vollständigkeit:

Wie Gott in die Seele kommt

"Ich komme zu meinem Lieb

wie der Tau auf die Blume."
(13, I)

Mechthild von Magdeburg (um ca. 1207 bis ca. 1294)

Quelle: Das fließende Licht der Gottheit, Mechthild von Magdeburg, Stuttgart-Bad Canstatt 1995, zweite und neubearbeitete Übersetzung mit Einführung und Kommentar von Margot Schmidt



„...wie der Tau auf die Blume."

5. November 2004

Tau ist verwandelte Luft. Über Nacht kondensiert Wasserdampf aus Luft und Boden zu winzigen Wasserkügelchen. In der Wärme der aufsteigenden Sonne verwandelt der Wassertropfen wieder seine Gestalt und verdunstet.

Wie lange braucht ein Tautropfen um zu verdunsten?

Ein AUGENBLICK,

eine LEBENSDAUER!



Mechthild von Magdeburg ehren in der St. Sebastian Kathedrale:

St. Sebastian und Mechthild,

Martyrium und Mysterium,

leiden und lieben,

Brot und Wein, Milch und Honig

„DIE WUNDEN GOSSEN, DIE BRÜSTE FLOSSEN" (I 22, S.22, 12).

„DAS FLIESSENDE LICHT" ist flüssiger Gott.



Mechthild von Magdeburg ehren in der St. Sebastian Kathedrale:

NIRGENDWOANDERS,

ÜBERALLHIER!



Auf dem Kapitelfriedhof:

Uhrloser Raum, am Rand.

Nicht richtig in der Kathedrale

und nicht richtig außerhalb der Kathedrale,

ein Ort zwischen Draußen und Drinnen,

ein Zustand von Nichtmehrdrinnen und Nochnichtdraußen.

DAZWISCHEN.

Ein grünes Rechteck hinter Glas,

wie virtuelles Biotop,

lebendig tief im Tod, „umgebettet",

das Grab ein Fenster.

DAZWISCHEN.

Bewegung im Kreuzgang,

Station um Station,

Tod und Auferstehung,

Anfang und Ende,

Ende und Anfang.

DAZWISCHEN.

Der Kirchenraum,

Ausgang ist Eingang,

der Weg ist umkehrbar,

Erlösung hinter mir,

Erlösung vor mir.

DAZWISCHEN.

Zwischen Kathedrale und Hof,

Straße und Haus,

jeder trägt anders,

der weltweite Punkt.

DAZWISCHEN.

6. November 2004

„ZUPF DIR EIN WÖLKCHEN AUS DEM WOLKENWEISS" (Ringelnatz)

Auf dem Kapitelfriedhof zupfe ich aus weißer Wolle ein L, entlang der Linie im Westen und der Längsseite im Norden. Der rechte Winkel in der Horizontalen öffnet sich nach oben. Die senkrechte Linie, wo Glaswand und Steinmauer bzw. Glaswand und Glaswand aufeinandertreffen, bilden den rechten Winkel in der Vertikalen. Die Winkel sind gegenüber dem Grab und dem Winkel dahinter im Kreuzgang.

Die Linien entlang der Glas- und Steinwand setzen dem Wolkenweiß feste Grenzen, der rechte Wollwinkel im Friedhofsinnern wird durch Witterung belebt und verflüchtigt sich.

Gestalte das Gestaltlose, die PERLMUTTERWOLKE. Nach dem Wolkenatlas der World Meteorological Organization befindet sie sich im obersten Himmelstockwerk, (13000 m – 20000 m Höhe). Sie ist im nördlichen Norwegen zu sehen, noch lange nach Sonnenuntergang, und wird so genannt wegen ihrer runden Form, ihrer Aneinanderreihung und ihres Perlmuttglanzes. Dass ich diese „Perlmutterwolke" gefunden habe, ist mir ein großes persönliches Glück. Ich hatte sie nicht gesucht, mein Wolkenfindling, etwas das gefunden werden will. Seit 2003 arbeite ich mit Liebesperlen. Die Liebesperle als Perle um die sich alle Liebesgeschichten drehen, in deren Kern die Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen wie in einem Kristall hindurchscheint:

Liebesperlen werden Tautropfen,

Tautropfen sind Liebesperlen.

Die Perlmutterwolke – ein schwebendes Aggregat von flüssigen „Liebesperlen".

Klare durchsichtige Wassertropfen reflektieren alles Licht, das WOLKENWEISS.

RUNGE an GOETHE: „Weiß sowohl als Schwarz sind beide durchsichtig oder körperlich. Weißes Wasser wird man sich nicht denken können, was rein ist, so wenig wie klare Milch."

In der Vorstellung wird weißes Wasser zu Milch, klare Milch zu Wasser.

Die Durchsichtigkeit und Körperlichkeit von Weiß möchte ich verbinden:

Aus durchsichtigen WECKGLÄSERN (Stangenweckgläser mit hohen Schultern), gefüllt mit klarem Wasser, „fließt" weiße Wolle, die Perlmutterwolke.

„Farben sind Taten und Leiden des Lichts." Nach Goethe leidet das göttliche Licht selber, wenn es farbig erscheint.

Auf dem Kapitelfriedhof der St. Sebastian Kathedrale:

Gezupftes Wolkenweiss,

ungebrochenes Licht,

b e f r e i t.



7. November 2004

DIE WUNDEN GOSSEN, DIE BRÜSTE FLOSSEN, SO DASS DIE SEELE LEBENDIG UND SEHR GESUND WURDE ..." (I 22, S. 22, 12)

Rot ist der Antagonismus zu weiß.

Im Kreuzgang,

Tod ist tot,

Auferstehung,

tödliche Geburt,

mehr Leben als vorher.



Rot als rettende Farbe des Lebens

in der roten Mohnblume.

FOTOGRAFIEN

Als Hypotenuse zur vertikalen Kirchenmauer und dem horizontalen Steinboden, unter den Kreuzwegstationen.

Fotografien von roten Mohnblumenblütenblättern, die in ein weißes Kissen fallen, im Sonnenlicht aufleuchten röter als Rot,
Blutstropfen gleich nicht aus der Erde gekommen auf die Erde fallen,
Transparente,
ewige Sekunden,
Heilung aus göttlicher L i e b e s k r a f f t.

Den WECKGLÄSERN auf dem Friedhof, gefüllt mit Wasser und weißer Wolle, stehen auf der Kreuzgangseite Weckgläser gefüllt mit rotem Wein gegenüber, dazwischen ist die Glasscheibe. Sehen wie durch einen Spiegel, im Rot das Wolkenweiß, und umgekehrt im Wolkenweiß das Purpurrot. „Davor, davor..." und „Dahinter, dahinter ..." verschmelzen in der farbigen Verflüssigung, die Richtung ist immer auch die Gegenrichtung.

8. November 2004

TÜRKLINKEN

Auf der weißen Wolle liegt ein Mosaik aus alten, ausgedienten Türklinken, horizontale und vertikale Linien im rechten Winkel. Die Türklinken sind abgegriffen, nutzlos, ihrer Funktion entledigt, ohne Wert. Klinken aus Holz und Metall, geschwungen und statisch, haben Türen geöffnet, geschlossen, Durchgang ermöglicht, hinein und hinaus, Raum für Raum.

Hier gilt Wolke auf Boden, Erdschoß und Himmel, unten ist oben und oben ist unten, Bewegung im Stillstand, Warten auf ...und Harren auf ..., überall.

9. November 2004

GOLDENER FADEN

Mit einem goldenen Messingfaden (Durchmesser 0,5 mm) möchte ich das Sonnenlicht einfangen. Ähnlich den hauchdünnen Fäden, die sich unsichtbar von Halm zu Blume, von Ast zu Blatt, über Ecken ziehen. Im Sonnenlicht aufleuchten, elektrisches Licht, die der Wind hin- und herbewegt, dem Zauber ein Ende bereitet und einen neuen Anfang schenkt.

Der goldene Faden fällt vom Kirchturm im Osten in die Erde hinunter und steigt wieder heraus, in Richtung Nordwesten, ein großes L, die vertikale und horizontale Linie sind orthogonal aufeinander bezogen:

nicht Entweder Oder, sondern UND.

Das UND in der Erde:

GUT und BÖSE

LICHT und FINSTERNIS

LEBEN und TOD

EWIGKEIT und ZEIT.



Der rechte Winkel in der Erde bleibt und kippt ins Diagonale, ein geöffnetes Dreieck:

Der Himmel reißt auf

in irdischem Grün.

Das krachende Herz

„Tauet Himmel den Gerechten,

Wolken regnet ihn herab".

Sehen und Schmecken den freundlichen Gott,

Abendmahl ist Eucharistie.

Liebe ist Asymmetrie.



Tautropfen wie Perlen aneinandergereiht,

hängen am goldenen Faden.

Von oben herunter, von unten hinauf.

Nichts ist für sich.

In der Sonne sich wandelnd, sterben sie nicht.

Sonnenlicht bringt Myriaden von Elektronen im Messingfaden in Schwingung,

LICHT FLIESST

durch die Welt

in alle Ritzen,

ohne Anfang, ohne Ende,

funkelnder Faden im Augenblick,

„WAS JETZT IST UND IMMER SEIN WIRD."

(III 1, S.82, 36)


„DU WIRST DEN HONIGTRANK BEHALTEN...

ICH WERDE IHN AUFSCHLIESSEN", DASS IHN

„NOCH VIELE GENIESSEN." (VII, 42, S. 314,24 – 27).



WECKGLÄSER gefüllt mit goldenem Akazienhonig.

Im Honig fallen Geldstücke, runde Scheiben, ziehen Schlieren.

Wenn die Gläser auf den Kopf gestellt werden, kurzes Purzeln, das Fallen geht weiter,

die Bewegung, das Fließen.

Stundengläser, Zeit ist Geld,

Geld regiert die Welt.

Honig ist süß, Geld schmeckt anders.

„...NIMM DIESEN GOLDENEN PFENNIG, DAS IST DEIN

EIGENER WILLE ..." (II 4, S.47, 1- 2)

Geld in Bewegung, im süßen Fluss,

verstehe, wer das verstehen muss:

„...DER KLEINE MENSCH, DEN GROSSEN PFENNIG..."

(II 4, S.47, 3-4)



10. November 2004

Lichtkugel

Ein grüner glasklarer Schlauch, aufgewickelt zu einer Kugel. Grün ist materialisiertes Licht. Im Innern fließt Honigtau. Der goldene Faden läuft mit. Die dritte Kugel reiht sich ein in den Perlenkranz (Görlitzer Kugel, gefüllt mit Liebesperlen, goldener Beilauffaden; Osnabrücker Kugel, gefüllt mit Liebesperlen und Ohrenkneifern, die keine Mühe gescheut haben, hineinzugelangen; jeder andere Weg wäre einfacher gewesen, das grüne Licht hat sie angezogen, unwiderstehlich, roter Beilauffaden.)

3. Mai 2005

Weckgläser

Sehe Kapitelfriedhof zum ersten Mal mit offenen Augen. Im Juni 2004 aus dem Augenwinkel geschaut. War hoffnungslos gebunden.
Friedhofswand ist höher, kein Fenster drin.
Stiefmütterchen und Stein vor kleinem Holzkreuz mit Namen: Fritz Martins Grab zum Osten hin, hat Seelsorgerinnen ausgebildet. Am Fußende vor Glaswand liegt verstreut der Hl. Sebastian in alten Steinen seiner Statue.
Beginne mit Honiggläsern über rechten Winkel gegenüber der Blumensakristei, leere Gläser für roten Wein schließen an. Draußen böiger Wind, eilige Wolken. Bleibe drinnen.

4. Mai 2005

47 Weckgläser
Zupfe auf Wasser in Weckgläsern kleine Wölkchen. Hauchdünne Wollfäden halten sich kurz über Wasser, saugen sich voll und tauchen ein, versinken in der Durchsichtigkeit. Ich mit. Weckdeckel mit klarer Erdbeere drauf. Offen verschlossen, ohne rotem Gummiring, ohne Stahlklammern. Am 8.Mai trifft Fußtritt Glas, Haarriss bricht Damm für Wolkenweiß.
In Karstadt, Weinküche: Luftgeist in Traube mit Wasser gemixt „Mouton Cadet Rouge".
Zwei L`s ineinander gestellt: Mit Rot gefüllte Gläser innen stehen Weiß gefüllten außen gegenüber, fließen zusammen in der Fensterscheibe dazwischen.

Türklinken

Wohin mit 528 Türklinken?
Habe jede Türklinke geputzt, mein Sohn hat geholfen, mit Putzstein und Zisternenwasser. Jede getrocknet und sortiert: Türklinken aus Messing, schwerem Edelstahl, matt gebürstet, Aluminium, silbern, gelbstichig wie gute Butter, bronzen, Eisen, mit hartem Holz, bunter Nylon-Kunststoff. Griffig, sperrig. Mehrere sind lädiert und malträtiert, wenige schäbig.
Jede ist willkommen. Geschenkt für die Geschichte eines Gedankens.
Auf kleinem Schrottplatz, einfacher Blaumann holt aus einem Versteck die Schönste:
Alte Handschmeichler aus genutztem Ebenholz und rostigem Eisen, feine Ziselierung im Detail, klitzekleiner Splint hält Paar über Vierkant zusammen.
528 Türklinken aus Osnabrück, keine aus Magdeburg. Ich weiß nicht wieso.
Vor dem bepflanzten Stein: das Flussmosaik mit Händen gesehen blind gelegt. Flussbett durch Fenster, schwebt im Kreuzgang, Klinken dringen in die Poren der Mauer weit über den Kirchenraum, von Ost nach West, von West nach Ost, von Norden nach Süden, von Süden nach Norden.
Kurzer Flusszweig auf Steinboden in der Ecke vor Blitzableiter, untererdig, die südliche Längsseite entlang.
Kurzer Flusszweig in der Ecke vor kupfernem Regenabflussrohr, Weg weisend zum Kreuz im Süden, wo die Kinder sind.

5. Mai 2005

11 Fotografien

Votivbildgroß, nicht vom Nagel durchbohrt, nicht von der Heftzwecke gestochen, haften dort, wo Himmel Erde küsst, am Blitzableiter runter, rauf. Das achte Bild, neunte, zehnte, elfte Bild ist wie das erste, dritte, fünfte, sechste. Ganz ähnlich und ganz anders. Kreuzgang ist Wandelgang. Totes ist schattenlos. Fotografien werfen Schatten auf die Wand „nicht von der Erde auf die Erde fallen".

Weckgläser

mit Honig, Geldstückchen obenauf. Zwei liegen auf Grund, wirken groß.
Weiße Wölkchen steigen Beton-Stufen zur Nordtür hinauf. Im hintersten Winkel, im Nordosten der Kirche, draußen an der Wand, wo Tagsonne nicht zu sehen ist, Buchstaben Unwesen treiben, Steine belegen, dass Mensch Mensch vergisst, hochprozentig, notdürftig ausgedrückt. Rätsel in der Steinwolke, Schimmelschnee auf Brotstein, warme Milch fügt sich in Klüften mit fettiger Haut, Wolkenheim Nachtasyl.

Grüner Schlauch

für Lichtkugel windet sich durch Steine. Ist heute nicht mehr zu sehen, geklaut in der Nacht vom 7. zum 8. Mai. In Osnabrück waren Ohrenkneifer angezogen vom maigrünen Licht, in Magdeburg Langfinger widerstehen nicht. 25 Euro, es hat sich gelohnt: Fehlfarbe Grün.

Perlmutterwolke

erscheint unverhofft im zugemauerten Südportal, nicht gezupft. Licht auf Zement öffnet Mauer, Türklinken ordnen sich ein, die Stufen hoch, fassen Wolke, begreifen Licht.

Goldener Faden

führt zwei Frauen durch den Fensterspalt im Kapitelsaal über der Nähstube. Winkel neigt sich hinunter zum Grabstein und hinauf die „Klagemauer". Werfe schwarzen Schuh mit goldenem Faden dran über die Mauer. Zwei Türklinken im Vierkant verbunden, ließen sich nicht trennen, machen nun Sinn, beflügeln den goldenen Faden unter dem Mauervorsprung. Die Vertikale der Wände und die Horizontale der Wiese im Winkel von 90°, Ordinate und Abzisse im Koordinatensystem, Kurve des Glaubens entspringt daraus.
Keine Installation.
Im Sonnenlicht leuchtet Geheimnis funkelnd auf,
ertrinke im Tau,
weiß ich rot,
Herz hört, Haut riecht, Mund berührt, Augen schweigen:

„Gegrüßt seist Du, lebendiger Gott!

Vor allen Dingen bist Du mein!

Endlose Freude gewährt es mir,

dass ich reden darf mit Dir,

und Du Dich neigst zu mir."

(Mechthild von Magdeburg)