Liebesperlen Nonpareille

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Leitfaden für die Ausstellung in der Görlitzer Frauenkirche vom 8. Mai bis 26. Juni 2004

LIEBESPERLEN NONPAREILLE

Der Titel spricht für sich. Wie ein Gedicht. Was soll ich dazu hinzufügen oder erklären?
„Liebesperlen“ und „Nonpareille“ - letztere sind die klitzekleinen Perlen, die man auf Schokoplinsen finden kann.
Zusammengelesen fügen sich diese zwei Produktnamen zu einem Gedicht:

LIEBESPERLEN NONPAREILLE

Ob groß oder klein, rot, gelb, grün, weiß, orange oder blau – Liebesperlen sind unvergleichlich.
Oder wie ich es sagen möchte:

„Die Liebe hat viele Gesichter
und immer einen Namen.“

Fotos ... (18.11.2003)

Für mich ist es unvorstellbar, mit Stellwänden zu arbeiten.
Ich beziehe den ganzen Kirchenraum mit seinen Steinmauern und Säulen, in seiner ganzen Weite, Länge und Höhentiefe ein.
Auf folgende Weise soll das gelingen:
Die Kirchenmauer, die Steine selbst sollen das Passepartout für die Fotografien bilden. Ich werde ohne Bilderrahmen die Fotos unmittelbar auf die Kirchenmauer anbringen.
Einige Bilder überbrücken wie luftige, transparente Fahnen Zwischenräume. Sie hängen an Fäden und wehen im „Wind“, der durch die Bewegung der Besucher erzeugt wird.
Die Bilder kullern wie Perlen durch den ganzen Kirchenraum. Scheinbar zufällig kommen sie zum Stehen, in kleinen Gruppen, manche einzeln, im hinteren Winkel verborgen, die gefunden werden wollen.
Die Bilder orientieren sich entlang der Jahresmärchen, im Osten (Altarraum) ist der Frühling, im Süden (Eingang Postplatz) der Sommer, im Westen (Orgelempore) der Herbst und im Norden (Ausgang Karstadt) der Winter.
In den Bildern klingt an:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
Triffst Du nur das Zauberwort."
(Josef von Eichendorff)

Die Bilder verändern Sehen:

„Was weg ist, ist nicht weg!“
„Was nicht zu sehen ist, ist nicht nicht!“
„Es ist verborgen im Dahinter, Dahinter, Dahinter, im Davor, Davor, Davor! Und wir sind Dazwischen!“

Fotos ... (8. Mai 2004)

Bilder liegen sicher eingepackt in Karton zwischen Altar und Taufbecken. Die Eröffnung der Ausstellung beginnt mit verpackten Bildern!

Die letzte Wehe ein Nein, will Weihnachten verhüten, Karfreitag verhindern und Ostern sparen.

Mit mir, ohne mich, gegen mich: Die Bilder wollen gesehen werden. Entferne den Karton, das Papier, packen zusammen aus. Jedes Bild ein Geschenk. Weihnachten, den 8.Mai 2004, gegen 11.25 Uhr.
Hatte vor, die Bilder (127cm x 87cm) mit Magneten an dem Stahlseil zu befestigen. Habe ihr Gewicht unterschätzt. Sie können sich nicht halten. Gerate in Panik. In der Minute sagt ein Mann, das hält nicht, da müssen sie Clipse nehmen. Es ist der gleiche Mann, der mir im Herbst zuvor das Fahrrad geliehen und damit das Kommunikationsgeschehen ins Rollen gebracht hat.
Die Clipse von Karstadt halten wunderbar. Wie Fahnen hängen 8 Bilder im Raum, majestätisch, huldvoll, wehen im Wind. Im Licht werfen sie einen rechteckigen Schatten auf die nackte Mauer. Sie treten aus dem Schatten ins Licht, aus dem Dahinter ins Davor, Loch im Licht, Licht im Loch.
Rechts: Lila Tütchen (1), Roter Ahorn auf weißem Grund (2), Steinperlen (3), bunter Perlenschnee (4). Links: grünes Seepferd (5), Binsen Nonpareille (6), Rosenrot (7), Bläschenperlen (8).
Eins nach dem anderen.
Himmel ist grün. Habe ich gedacht. Es kommt anders. Das Bild im Osten hinter dem Altar ist blau, transzendent. Die 6 Perlen, die sich im Spiegelhimmel wider und wider spiegeln. Hinter dem Kreuz sichtbar fliegen 6 Perlen, 12 Perlen, 24 Perlen ... durch die Mauer der Kirche hindurch in den Himmel hinein oder vice versa, Perlen im Blau (9).
Eine alte Frau (84 Jahre alt) beschwert sich. Der Ex-Pfarrer der Frauenkirche hält mich zum Hinhören an: Über dem Bild war das kaputte, offene Kirchenfenster, das vergangenes Jahr als letztes erneuert wurde. Alle anderen Fenster hatten Vorrang. Und jetzt ist hinter dem Altar wieder ein Loch!
9 von 13 Bildern finden ihren Platz. Das zehnte Bild „grüne Drainage“ kullert von der Orgelempore hinunter an die Stellwand rechts neben den Eingang. Wirkt wie Poster. Das Bild dort, ein echter Hingucker.
Drei Bilder finden trotz guten Willens und vieler Bemühungen keinen Platz: warmer Schnee (11), Rabe mit blauer Perle (12), grüner Lichttunnel (13). Letzteres hatte ich immer hinter dem Altar im Osten als Frühling, als Auferstehungsbild gesehen.
Ein Bild ist mir ganz zwischen den Fingern weggeflutscht: das Rosenbrot, das erste, das ich für die Ausstellung ausgesucht hatte, bei dem ich ganz sicher war. Ich habe das Negativ vergessen, ich war so sicher, dass ich gesehen habe, was nicht da war bei der Auflistung der Bildtitel. Es sollte unter der Orgel im Westen hängen.
Dort wird im Moment das Portal renoviert, der Ein-/Ausgang verschlossen. Kein Bild findet Platz im Westen.

Perlenkugel ... (19. November 2003)

Truman Capote hat in seinem Buch „Die Grasharfe“ geschrieben:
„Die Liebe ist eine Aneinanderreihung von Perlen, eine Kette von Liebe, wie Natur eine Kette von Leben.“
Das greife ich auf. Mit einem glasklaren frisch-grünen Plastikschlauch, Durchmesser so groß wie eine Liebesperle. Dieser Schlauch soll den rechten Winkel füllen, wo sich die Vertikale der Kirchenmauer und die Horizontale des Kirchenbodens treffen und sich durch den ganzen Kirchenraum ziehen vom Eingang, die Seitenwand entlang, hinter den Altar und wieder entlang der Seitenwand zum Eingang, der auch Ausgang ist, und weiter nach draußen, um die Kirche herum.
Jeder Besucher ist eingeladen eine Perle, mehrere Liebesperlen in diesen Schlauch purzeln zu lassen. Am Ende der Ausstellung wird diese „Kette von Liebe“ aufgewickelt zu einer großen Kugel (Ball, Schneeball, Wollknäuel). Jeder Ausstellungsort bekommt seine Perlenkugel, eine „Aneinanderreihung von Perlen“.
Dieser „Liebesperlenfaden“ wird einen Beilauffaden haben, einen goldenen Messingfaden.

Perlenkugel ... (7. Mai 2004)

Eigentlich wollte ich auf den glasklaren Schlauch verzichten. Aus Kostengründen. Auf dem Flohmarkt sehe ich den maigrünen Aquariumschlauch. Der Mann von der Zoohandlung ist ganz entgegenkommend. Ich kann nicht wählen. Alles ist einfach, wie von selbst. 25 Meter grüner Schlauch werden von Joachim, Kirchengästen und mir mit Liebesperlen gefüllt. Jede Perle ein guter Wunsch, eine Hoffnung, ein Gedanke, ein Gebet;
zumindest viele Perlen ein guter Wunsch, eine Hoffnung ... manchmal war ich mit den Gedanken woanders.
Grün ist materialisiertes Licht, eine grüne Mandorla rund um den Altar.

Goldener Faden ... (19. November 2003)

Diese hauchdünnen Fäden, die sich unsichtbar von Halm zu Blume, von Ast zu Blatt, über Ecken ziehen und im Sonnenlicht aufleuchten und in diesem Leuchten immateriell und durchsichtig zu sein scheinen, die der Wind hin- und herbewegt, dem Zauber ein Ende bereitet, und einen neuen Anfang schenkt.
Mit so einem Faden möchte ich das Sonnenlicht in der Frauenkirche einfangen: dieser Faden, ein goldener Messingfaden (Durchmesser 0,5 mm), soll von oben nach unten, von rechts nach links, zeitweise in der Höhe als goldenes Netz, eine Zwischendecke ziehen.
Anknüpfungspunkte sind Berührungspunkte, die die Kirche gibt: Fenstergriffe, Gitter, Geländer, Säulen...

Goldener Faden ... (7. April 2004)

Das „von oben nach unten“ und das „von rechts nach links“ entspringt einer symmetrischen Ordnung von sieben goldenen Fäden. Sechs bilden Dreiecke. Die ersten fünf Fäden fallen aus 16 Meter Höhe durch die Öffnung neben dem Schlussstein im Altargewölbe. Weihnachten kommt von dort der Herrnhuter Weihnachtsstern herab.
Das erste Dreieck schwebt in 2 Meter Höhe vor den Altarstufen und findet Halt an den Wandlampen rechts und links; die folgenden Dreiecke orientieren sich an den Säulen im Kirchenraum. Der untere Schenkel ist jeweils in Höhe der Lampen an den Säulen; dort findet der Faden Halt. Das vierte Dreieck erstreckt sich vom Altarraum bis zu den Säulen vor der Orgelempore, 16 Meter hoch bis auf 2 Meter hinunter. Die Berührungspunkte an den Lampen in der Waagerechten miteinander verbunden, zeigten ähnlich einem Punktmalbild eine Tüte im dreidimensionalen Raum.
2 Dreiecke fallen von der Steinbrüstung der Orgelempore in den Kirchenraum hinein und winden sich um die Lampen vor den Säulen.
Der siebte und letzte goldene Faden folgt zunächst dem Lauf des Weihnachtssterns und fällt weiter senkrecht auf die oberste Altarstufe. Er findet seinen Weg durch die Radkappe unter der viereckigen Glasscherbe hindurch nach unten in den Altarraum in Richtung Taufstein. Sein Fadenanfang umwickelt eine schlanke Messingschraube, die Gewicht und Halt gibt.
Kein Faden berührt den anderen, kein Faden überkreuzt den anderen. Allein durch Perspektivwechsel und Bewegung der Augen im Raum entstehen Überschneidungen, Fadenmuster.
Die Senkrechte im Rücken auf der obersten Altarstufe, davor die Waagerechte des ersten Dreiecks in Augenhöhe, im Zwischenraum dieses Fadenkreuzes ist Spannung körperlich.
Sonnenlicht bringt Myriaden von Elektronen im Messingfaden in Schwingung und Licht fließt durch den Raum, ohne Anfang und Ende, immateriell, pures Licht.
Goldener Faden ... (5. und 6. Mai 2004)

Man spricht von einem Kurzschluss. Das Licht wird angemacht und ein Dreieck reißt in einem Blitz. Wickele Faden auf. Spannen zu dritt neues Dreieck. Elektriker prüfen, keine Kurzschlussreaktion durch Dreiecke.

Zum Kernereignis ... (6. Mai 2004)

Die Stellwand auf der Nordseite, bevor der Altarraum beginnt, wird entfernt. Schwere Arbeit. Und dann, wie von Scheuklappen befreit - Durchblick. Eine Säule darf wieder frei stehen. Gibt Ahnung vom Wandelpotential unter den Seitenemporen durch die Säulen hindurch. Wir umrunden die Säule für einen Tag mit einem grünen Schlauch und lassen viele Perlen herunterrollen. Lachen und haben Spaß an der surrenden Kugelbahn. Esse einen Apfel. Zwei Besucher fragen, ob wir Adam und Eva spielen.
Wir verneinen das Ja.
Der dunkelbraune Vlies wird entfernt. Er klammert sich mit aller Kraft fest. Extrawerkzeug ist nötig, und das Vorhaben muss noch einen Tag warten.
Der dunkelbraune Vlies wird entfernt. Dazu braucht es Mut mit Angst, Wut mit Vorsicht.
Ich lasse mich nicht länger von den schönen, teuer renovierten Fassaden täuschen. Dahinter wohnt Leere, häufig neuer Verfall.
Ein Mann, der von sich sagt, sein Name sei Nichts, löst den Vorhang Schraube um Schraube, Paravents um Paravents aus seiner Verklammerung.
Ein alter Herr K. und ein junger Joachim lösen von sich aus den Vlies von den Stellwänden dazwischen.
Ein Herr A. trägt schwer.
Eine Frau Menzel wird ganz leicht.
Ich bin keine Künstlerin, ich mache keine Kunst. Das ist künstlich.
Ich mache sichtbar. Das ist ganz lebendig und zutiefst weiblich.

Die Steine werden sichtbar, weisen auf das Sandkorn hin, das Kernereignis in der Perle.
Sprechen von Zeit. Riechen alt. Schmecken staubig. Runde Ecken. Einer fügt sich zum anderen. Da, wo die Mauer auf den Boden trifft, tiefe Spalten, schwarzer Luftraum unter der Kirche. Die Steine sind der Saum, der Putz wurde im unteren Bereich quer abgeklopft. Risse, Furchen und tiefe Löcher sind im Gewand. Aus ihnen fließt gelbe Wolle.
Menschen spüren das Nackte, Verletzbare. Steinreich sei arm. Scham statt Stolz. Möchten die Blöße wieder verhüllen. Der dunkelbraune Vlies soll wieder her.
Sage Ja. Versprochen!
Weckgläser (20. November 2003)

Dieses goldene Licht wird in Weckgläsern „eingeweckt“ (eigentlich schlafen gelegt): Stangengläser mit hohen Schultern, gefüllt mit Akazienhonig; 12 Liebesperlen, für jede Tag-, Nachtstunde eine, die unendlich langsam fallen, schweben, und manchmal kommt es mir beim Zuschauen vor, dass sie stille stehen zwischendurch – ein Irrtum, die Perlen bewegen sich. Wie Sanduhren können die Gläser auf den Kopf gestellt werden, das Fallen geht weiter, die Bewegung, das Fließen. Diese Bewegung als „Würckungskrafft“; das ist das Wort im ältesten „Faust“. Es bezeichnet, „was sich in der Mitte der Welt bewegt: alle Würckungskrafft und Saamen“, mit ck und zwei f und zwei a.
„Was bewegt ist, ist würckend; was würckend ist, liebt.“

„Liebe ist identisch mit Würkungskrafft, und wo Würckungskrafft erlebt wird, wird „Liebe“ erlebt; diese Liebe, die nichts anderes ist als die Selbstbewegung Gottes in der Welt...“

(Peter von Matt: Liebesverrat)

Ganz persönlich finde ich, dass Görlitz viel von dieser „Würckungskrafft“ sichtbar macht.
Weckgläser ... (8. April 2004)

Auf die sechs Kirchenfenster im Altarraum verteilen sich 36 Weckgläser. Stangengläser mit hohen Schultern, jedes Glas mit einem rot-orangefarbenen Gummiring und zwei Federklammern verschlossen. 36 Säulenheilige, die Zunge in die Höhe, gefüllt mit Luft, warten auf Akazienhonig!
Weckgläser ... (6. und 7. Mai 2004)

Der Honig kommt in zwei Eimern, 25 kg schwer. 12 Gläser finden ihren Platz auf dem Altar. Joachim und ich schöpfen aus dem Vollen, mit einer Kelle und viel Schwung, das sich der süße Faden von der Quelle löst. In jedes Glas fallen je 12 rote, orange, gelbe, grüne, blaue, weiße Perlen.
Der Honig ist fest und dickflüssig.
Die Perlen tauchen ein in die süße Tiefe, fallen unendlich langsam und dann auch wieder rasend schnell. Das Glas umdrehen ist das Schönste überhaupt: eine große Luftblase steigt müde auf, der Honig beginnt zu fließen wie durch einen unsichtbaren Trichter.
Die Perlen hangeln sich am Glas entlang nach unten und tauchen ein in die süße Tiefe.
In der Mitte des Altars unter dem Kruzifix steht mein persönliches Weckglas. Ein Weckglas auf dem in Schreibschrift steht: Frauenlob. In dem Weckglas sind die Scherben des ersten Weckglases Frauenlob. Die Kraft von Frost hat es im Winter zersprengt.
Im goldenen Honig sehen die Scherbenkanten wie Falten aus. Im Licht wird Akazienhonig leuchtender Bernstein. In diesem Glas ist eine rote Liebesperle, umhüllt mit einer hauchdünnen Schicht aus Blattgold.
Dieses Glas, es ist das einzige, das während der ganzen Zeit der Ausstellung geöffnet ist.
Es steht auf Sonnenblumenblütenstaub
Mein Ernte Dank. Ich selbst bin die Ernte.
Fensterscherben ... (21. November 2003)

Besonders berührt haben mich in Görlitz die kaputten Fensterscherben in den alten, verlassenen Häusern, häufig Doppelverglasungen. Und wenn die hintere Scheibe auch zerbrochen ist, dahinter Dunkel, Schatten, Loch im Licht.
Ich möchte diese Fensterscherben ehren als Marker für das Neue, das Noch Nicht Ist und Sein Wird, für den Übergang.
Dazu brauche ich Fensterscherben. Ich werde diese Fensterscherben im Kirchenraum verteilen. Unter den Glasscherben liegt gelbe Rohwolle.
Auf die Scherben sind Worte geschrieben, Texte,
z.B.: die Liebesperlenlegende der Familie Hoinkis,
Texte aus der „Grasharfe“,
das Gleichnis vom Kaufmann und der Perle (Bibel, Matthäus 13)
Würckungskrafft und Saamen (Goethe)
Gedicht von Eichendorff (s.o.)
Gedicht von R.M.Rilke (s.u.)

. . .
Beschriftete Fensterscherben – Worte werden Fenster.
Worte sind Fenster. Durch Fenster kann man schauen, und wenn man nahe genug hingeht, kann man selbst durch ganz kleine Fenster viel sehen. Und der Schall mancher Worte, die den richtigen Ton treffen, schlagen so hohe Wellen, dass Fensterscheiben zerspringen, platzen, bersten – dann fängt etwas Neues an.
Fensterscherben, kaputte Fensterscheiben erzählen Geschichten von Hoffen und Bangen, von Zurückbleiben und Verlassensein, vom Aufbrechen und Warten, von Wut und Enttäuschung.
Und wenn ich genau hinhöre, dann ist dieses Warten ein Harren, dass sich die Verheißung erfüllt: „Zerbrochenes wird wieder heil“.
Ich hoffe, dass ab und zu ein Sonnenstrahl durch die Kirchenfenster auf eine Glasscherbe fällt, dass dieses Licht zurückgeworfen wird und ein oder zwei Steine der Kirchenwand aus ihrer Verschattung reißt.

Fensterscherben ... (6. und 8. April 2004)

Karton mit Scherben der alten Kirchenfenster, zum Teil sind Ornamente, Eichenblätter und kleine Rosetten sichtbar, in purpur, nachtblau und durchsichtiges grün-gelb. Jede einzelne mit Essigwasser gereinigt und getrocknet. Sie liegen auf der goldgelben Märchenwolle und glitzern im Tageslicht. In ihnen spiegeln sich die neuen Fensterscheiben wie bunte Mosaike wider. Das wollene Dreieck gleicht von der Empore einem Hermelinmantel in gelb, durchzogen von einem roten Streifen in der Mitte.

Original kaputte Görlitzer Fensterscherben kommen heil in die Frauenkirche, transportiert im Kofferraum. Jede einzelne mit Essigwasser gereinigt und getrocknet. Womit darauf schreiben? Mit Kirchenstaub, mit Atemhauch, mit feuchten Fingern, mit Blut? Natürlich mit Feuer, mit der Flamme einer Kerze. Schwarze Rauchzeichen auf Glas formieren sich zu den Worten: Würckungskrafft und Saamen.
Verteilt über 6 Scherben. Drei Scherben links an der Wand im Altarraum, drei Scherben auf der gegenüberliegenden Seite, auf der hinteren Lehne der Kirchenbank abgestützt:

WÜRCKU NGSKR AFFT UND SAA MEN.

Sonnenlicht wirft die Worte im Schatten als Menetekel auf die Kirchenmauer. Glasscherben werden Fenster, entziffern Worte.

Fensterscherben ... (5. Mai 2004)

Verbliebene Fensterscherben mit Essigwasser gereinigt und getrocknet.
Feuerflamme schreibt: „und verkaufte alles was er hatte und kaufte“ (Mathäus 13) und „Alles Schreckliche ist der Anfang des Schönen.“

Worte werden Fenster. Wohin mit den Fenstern?
„und ufte te und
verka alles kaufte
was
er hat
Ein gläsernes Antependium, direkt vor dem Sockel unter dem Altar:

Geld oder Liebe

Geld macht frei.
Ich wähle, wofür ich mein Geld lasse.
Ich bestimme, wem ich mein Geld gebe.
Ich verkaufe und kaufe.

Liebe bindet.
Ich kann nicht wählen, wen ich liebe.
Ich kann nicht bestimmen, wer mich liebt.
Geliebt werden und Lieben
Echo von Liebe, das alles Geld der Welt wert ist.
Liebe und Geld

Fensterscherben... (6. und 7.Mai 2004)

Der Altar für die unbeerdigten Soldaten hat einen neuen Platz bekommen, aus der Ecke heraus. Davor liegen die Fenster:

Alles Schreckliche ist
der Anfang des Schönen

Rußgeschwärzte Silben auf luftiger Gelbwolle.

Innere Hemmung, das Glas zu zerschlagen. Mit der Axt bewaffnet mache ich mich auf den Weg ... Es ist schon kaputt! Erleichterung, die sich falsch fühlt. Jemand hat geradeaus geguckt, nicht nach unten gesehen. Das Knacken der Scherben unter den Füßen, etwas kaputt gemacht, war nicht beabsichtigt, etwas anderes war im Blick, keiner kommt und sagt: „Ich habe etwas kaputt gemacht. Es tut mir leid!“ Statt dessen weggehen, verstohlen, erschrocken. Fensterscherbe wird Scherbenmosaik, schwarz auf gelb.
Gelbe Wolle ... (6. April 2004)

Zupfe goldgelbe Märchenwolle zu einem Dreieck über die Stufen vor dem Altar. Die obere Spitze ist offen und wird vom roten Teppichläufer durchzogen. In seiner Verlängerung mündet die Spitze des Dreiecks ins Altarkreuz.
Zupfe goldgelbe Wolle auf die hohen Fenstersimse. Gleiche die Südlastigkeit der Fensteranordnung mit der Wolle aus: Wolle / Wolle / leer / Wolle / leer / leer.
Das Gelb scheint durch die Mauerritzen zu dringen, vor dem Altar erneut herauszuquellen über die Stufen in die gesprungenen Fugen der Bodenpflasterung hineinzufließen.
Oder...
Das Gelb scheint durch die gesprungenen Fugen der Bodenpflasterung hinaufzusteigen wie aus unterirdischen Quellen, durch die Mauerritzen über die Fenstersimse hinauszufließen ins Freie.
Ein Görlitzer Findling ... die kaputte Autoradkappe

Zufällig, seit 4 Jahren, Autoradkappen, gefunden, für den Tellerbaum. Vor 2 Jahren zu Ostern eine ähnliche Autoradkappe mit weißen und braunen Eierschalen auf Puderzuckerguss zu Pentagrammen gestaltet.
Die Görlitzer Radkappe gelb bestäubt, sichtbar unter geschwärzter Fensterscheibe, vor der untersten Altarstufe. Fünf Schrauben bilden Pentagramm.

(Anmerkung: Ostersonntag, übergroße weiße M A N – Autoradkappe gefunden!)

Taufbecken... (5. und 7.Mai 2004)

Frisch restauriert. Das Geld von einer Frau, die dort als Säugling getauft wurde.
Auch eine Tauferneuerung.
Das Taufbecken – eine Blütenform. Liebesperlen und Nonpareille sammeln sich darin zu unzähligen Tautropfen.

Kinder zählen und naschen davon.
Erwachsene stoßen sich daran. Zu süß.
Tiefrote Rosenblätter liegen leicht auf, verwelken,
die Liebesperlen und Nonpareille bleiben.

Zur Eröffnung werfe ich Liebesperlen in den Kirchenraum. Möge die Saat aufgehen.
Zum Abschied segne ich jedes Bild mit Liebesperlen wie mit Weihwasser und werfe zuletzt Liebesperlen durch den Altar ins Blau.
SANDKORN WIRD PERLE

„Alles Schreckliche ist der Anfang des Schönen.“ (Rainer Maria Rilke)

Eine Perle entsteht, wenn ein Fremdkörper beispielsweise ein Sandkorn, zwischen Mantel und Schale einer Muschel gelangt; die Muschel scheidet Perlmutt aus, das den Eindringling lagenweise umschließt, mit hauchdünnen Schichten aus Kalk und Conchiolin – mineralischer und organischer Substanz, die durch Lichtbrechung den besonderen, irisierenden Glanz hervorbringen. Das Eindringen des Sandkorns – eine Verletzung genau genommen.
ZUCKERKRISTALL WIRD PERLE

Die Zuckerperle entsteht aus einem winzigen Zuckerkristalll. Puderzucker und das Kreisen im Kupferkessel bewirken, dass sich die Kristalle zu Kügelchen und schließlich Perlen verbinden.
PERLE WIRD LIEBESPERLE

Die Legende ist eine Liebesgeschichte. Ihr Kern ist: Die Liebe hat viele Gesichter und sie hat immer einen Namen. Dieser Kern ist ein süßer Kristall, durchsichtig und klar. Hindurchscheint eine, besser: d i e Liebesgeschichte, um die sich alle Liebesgeschichten drehen: die Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen, die einen Namen hat, in der ein Kreuz etwas rundet, heil macht.
Ein Weckglas mit Akazienhonig steht im Altarraum, auf dem Altartisch. In diesem Glas ist eine Perle, umhüllt mit einer hauchdünnen Schicht aus Blattgold.
Dieses Glas, es ist das einzige , das geöffnet ist während der ganzen Zeit der Ausstellung.
Es steht auf Sonnenblumenblütenstaub:

LIEBESPERLE NONPAREILLE


Sühnekirche wird Frauenkirche
Frauenkirche wird offene Kirche
ohne feste Gemeinde
ohne Sonntagsgottesdienste.
Menschen verlieren ihre Kirche.
Auch eine Verletzung.

Sühnekirche wird Frauenkirche
Frauenkirche wird offene Kirche
mit Mittagsrast
mit Samstagabendgottesdienst.
Verletzte Menschen voller Mut knüpfen
Fadennetz, halten Spannung aus.

Sühnekirche wird Frauenkirche
Frauenkirche wird offene Kirche
für Menschen mit rechtem Glauben
für Menschen ohne Glauben.
Steinalt das Zelt, jung die Wende
wandeln sich selbst Schicht um Schicht.

Sühnekirche wird Frauenkirche,
Frauenkirche wird offene Kirche
und alles steht Kopf
und alles ist anders.
Nichts ist neu, ewig das Geheimnis,
viele Gesichter,
immer ein Name;
Menschliche Kirche,
da geschieht Gott.