"Aufgehoben"

Vortrag Prof. Dr. Traugott Roser

... zur Kunstinstallation AUFGEHOBEN von Sigrun Menzel

Ein ungewöhnliches Projekt: die öffentliche Präsentation einer filigranen Installation in einem Ambiente, das man als Sakralbau vor allem in der Nutzung für gottesdienstliche Zwecke kennt. Eine Kirche – und darin die
Installation „Aufgehoben“ von Sigrun Menzel.
Der architektonische Raum durchdrungen von Restbeständen der Natur; um präzise zu sein: Den Beständen einer überalten, herbstlichen, um nicht zu sagen – dem Tod geweihten – Natur.
Sigrun Menzel hat das Laub einer 450jährigen amerikanischen Eiche gesammelt, notiert – oder wie man heute in allen Bereichen unserer ökonomisierten Welt sagt – dokumentiert, in weiße Butterbrottüten verpackt
und damit über das Verfallsdatum von Herbstlaub hinaus aufgehoben. Die Menge eines Tages, 14.10.2013, steckt in 917 weißen Butterbrottüten, schreibt Frau Menzel in ihrer Einladung.
Das ist ein schönes Projekt. Aber nun ist das künstlerisch im Kirchenraum angeordnet.
Blätter und Baum und Wald und Kirche.
Was passiert da über den ästhetischen Kitzel hinaus?
Christliches, spirituelles Leben, wie es in dieser Kirche beheimatet ist und wie es gemeinsam – als Gottesdienst – oder individuell – als stille Andacht im Raum gelebt wird, wird ergänzt durch eine grenzübergreifende Erfahrung. Natur in der Kirche.
Wir erleben normalerweise Kirche in der Natur. Das ist sogar das Prinzip einer romantisierenden religiösen Erfahrung. Denken Sie an die Bilder und Gemälde von Caspar David Friedrich. Er hat vielfach verfallende Kirchen –
also die christlichen Religionsgemeinschaften im Stadium des Niedergangs, im Herbst gleichsam – inmitten einer berauschenden und ergreifenden Natur gemalt. Einzelne Wanderer lassen sich dort zur Ruhe nieder und werden von einem religiösen Schauer ergriffen. Auf einem Bild gar liegen Krücken weggeworfen auf dem Weg: die Befreiung von den Krücken der institutionalisierten Religion und die Heilung durch echte Spiritualität.
Dass das Bild der Natur so nicht mehr stimmt, hat die ökologische Bewegung klar gemacht. Und Künstler wie Arnulf Rainer und Joseph Beuys haben uns durch ihre gezielte Anästhetisierung gezeigt, dass es auch in der
Natur keinen Rückzug zur Religion gibt, sondern vielmehr zu einem Schuldbekenntnis über die Sünden an einer ausgebeuteten Natur.

Die Natur nun in der Kirche. Etwas Fremdes, denn wir sehen unsere Kirchen in der Regel nicht als Orte der Natur. Und dennoch passiert hier, wenn man die Installation betrachtet, etwas. Etwas anderes als in einem Museum,
einem Profanbau oder auch Kunsttempel. Mehr noch: Wir sehen nicht nur, wir betrachten nicht nur, wir begehen und ergehen uns. Das sind wir in diesen Räumen auch nicht gewohnt. Alle Bewegungen in diesem Raum sind
normalerweise durch liturgische Vollzüge bestimmt. Man geht zum Abendmahl. Die Lektorin geht zur Kanzel, Küster und Pfarrerin gehen zum Altar, um dort ihren Dienst zu tun. Wenn man allein ist, geht man nach vorn, um sich vielleicht an den Mann am Kreuz zu wenden – mit einem Gebet. Jetzt gehen wir anders durch diesen Raum. Unliturgisch. Schauend.
Staunend. – Und damit vielleicht der Bewegung des Glaubens sogar näher. Wir erleben durch die Installation den Raum neu: sein Material. Seine Atmosphäre, das Spiel von Licht und Schatten, von Tag und Nacht.

Das, was sich aber eigentlich ereignet, hat Sigrun Menzel durch ihren Titel
„Aufgehoben“
markiert. Denn das Wortspiel findet in diesem Raum zu einem Ziel, wie es in einem Museum oder einer Galerie nicht sein könnte.
Aufgehoben hat sie die Laubblätter Stück um Stück vom Boden.
Aufgehoben hat sie sie Stück für Stück in Papiertütchen. Aufbewahrt und aufgehoben nicht in Kästen oder Schubladen, sondern für uns. Für die
Betrachter.
Aufgehoben hat sie die Tütchen mit den Blättern durch die Schlichtung undSchichtung im dreidimensionalen Raum, wie eine Windbewegung links, wie in einem alten Beinhaus rechts. Der Fall des Herbstlaubes ist unterbrochen,
die Gesetze von Zeit und Raum, von Schwerkraft und Vergänglichkeit sind – aufgehoben.

Aufgehoben sind wir. Erhoben, vielleicht sogar durch ein erhabenes Gefühl bewegt. Erhebet Eure Stimme, heißt es in der Bibel, hebt Eure Augen zu den Bergen, auf zu dem Herrn, von dem Euch Hilfe kommt. Hebt eure Sinne auf,
über den begrenzten Horizont dessen hinaus, was vor Augen ist, was den
Alltag bestimmt. Aufgehoben – als ein Imperativ, eine Mahnung: Gedanken, Augen, Stimme, alle Sine aufgehoben! Aufgemerkt!

Und ein letzter Gedanke, der sich mir aus den Butterbrottüten ergibt: Aufgehoben über die irdische Lebenszeit hinaus. Die Ausstellung findet in den Wochen vor dem Ende des Kirchenjahres statt. Wochen, die wir mit dem Volkstrauertag, dem Buß- und Bettag und dem Toten- und Ewigkeitssonntag bezeichnen. Gedenktage! Weil wir aufgehoben sind und sein werden – aufgehoben in der Ewigkeit. Und hier in der Kirche sind wir bereits an einemOrt des Übergangs – wie hier auf den Altarstufen -, einem Ort der Transzendenz zwischen dort und hier, schon und noch nicht. Niemand geht verloren.

Prof. Dr. Traugott Roser
Evang.-Theol. Fakultät der WWU Münster
Traugott.roser@uni-muenster.de