"Eine breite Sekunde lang"

Laudatio von Otto Marburger anlässlich der Ausstellungseröffnung von "Die breite Sekunde lang", Ev. Kirche Raumland
Einführung in die Ausstellung "Eine breite Sekunde lang" in der Kirche in Raumland

Herr Pfarrer, lieber Dirk Spornhauer, liebe Frau Sigrun Menzel, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Ich habe viel gelernt bei der Vorbereitung für diese Ausstellungseröffnung. Ich kenne jetzt die Geschichte der Liebesperlen. Sie führt in die wunderschöne Stadt Görlitz. Unter dem Ursprungsnamen Hoinkis werden sie dort heute noch produziert. Der Name der Perlen rührt angeblich daher, dass gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts der Konditor Rudolf Hoinkis nach Erfindung der Perlchen gegenüber seiner Familie meinte, er liebe sie wie die Perlen für die ihm noch der Name fehle. Worauf seine Frau antwortete, dann solle er sie doch Liebesperlen nennen. Aber in/bei Görlitz wurde 1575 auch der bedeutende protestantische Mystiker und Schuhmacher Jakob Böhme geboren: Der Name seines wichtigsten Werkes "Morgenröte im Anfang", meist "Aurora" genannt, und seine schwierigen Lebensverhältnisse haben Frau Menzel zu einer Installation "Aurora 19" zu seinen Ehren veranlasst. Dass Böhmes Gedanken Anfang des 18.Jh..auch großen Einfluss auf einige Vertreter des radikalen Pietismus hier in Wittgenstein hatten, sei nur am Rande erwähnt. Interessant für die heutige Installation in der neben Puderbach wohl ältesten Kirche hier in Raumland, der Urpfarre des Wittgensteiner Ländchens, ist sicherlich, dass Görlitzzeit MEZ ist, weil Görlitz eben just auf dem Meridian liegt auf dem MEZ auch Ortszeit ist. Ob das wohl intuitiv Frau Menzel mit ihren 120 Uhrwerken nach Raumland gebracht hat? Immerhin! Sie fühlt sich angezogen von mystischem Gedankengut und vor allem von der Wortgewalt, der Gewagtheit und Erotik mystischer Sprache. So galt auch eine Installation der Mechthild von Magdeburg in Magdeburg. Vor allem Sätze aus Mechthilds " Das fließende Licht der Gottheit", dem ersten in deutscher (oberdeutsch) Sprache geschriebenen großen mystischen Werk sind Beleg dafür. Auch einem Satz aus Goethes Faust I, der wiederum aus mystischem Gedankengut lebt, gewinnt die Künstlerin Wichtiges für ihre Lebensphilosophie ab: "Dass ich erkenne, was die Welt Im Innersten zusammenhält, Schau alle Wirkenskraft und Samen, Und tu nicht mehr in Worten kramen." "Würckungskrafft und Saamen" heißt es im Urtext.

‚Liebe ist identisch mit Würckungskrafft und wo Würckungskrafft erlebt wird, wird "Liebe" erlebt; die Liebe, die nichts anderes ist als die Selbstbewegung Gottes in der Welt..." sagt Sigrun Menzel.

Sie möchte "hindurchdringen durch alle Schichten zum Kernereignis des jeweiligen Ortes."

Also liebe Zuhörer, vielleicht lassen Sie sich ja mit dieser Installation zum Kern der 1200jährigen Raumländer Geschichte führen und schauen mal, wo das eine Liebesgeschichte ist, vielleicht in der 1200Jahrfeier und ihren Folgen.Dies also in Ansätzen etwas zum philosophischen Gedankengut in Sigrun Menzel´s Arbeiten, die zu all ihren Werken im Gegensatz zu manch anderem Künstler gern Erklärungen abgibt. Kommen wir also zu den Materialien der Aktions- Installations- und Photo-"Künstlerin". Künstlerin in Anführungszeichen, weil sie sich selbst nicht als solche bezeichnen will. Joseph Beuys - vielleicht erinnern die Honig-Weck-Gläser den einen oder anderen an Beuys Honigpumpe auf der Dokumenta (ich meine 1972) -hat gesagt und gemeint, jeder Mensch sei ein Künstler, und Frau Menzel hat Ernst damit gemacht. Wer Sie hier auf hoher Leiter gesehen hat, hat nicht nur um ihre Unversehrtheit gezittert, sondern auch einen hohen künstlerischen Impetus, einen großen Ansporn erspürt.

Zurück zum Anfang: Mit den Liebesperlen beginnt auch Sigrun Menzel´s Liebe zu künstlerischem Tun, ohne das sie, wie sie sagt, nicht mehr leben könne. Sie finden hier heute nur eine "schlafend" in einem der Gläser der Firma Weck, vielleicht lässt sie sich aufwecken und erzählt etwas von der Süße des Honigs der auch ein Symbol der Liebe sein kann, gerade an diesem Ort auf dem Abendmahltisch. Weitere Materialien, neben den Liebesperlen und dem Honig in Gläsern sind Wasser und Rotwein ebenfalls in Gläsern, Wasser auch in Plastikbeuteln an Strommaste, sind gelbe, schwarze, weiße und rote Wolle, sind Schnüre, Tau und Messingfaden, sind Türklinken und natürlich Uhrwerke, zu denen sie eine rührende Zufallsgeschichte geführt hat. Immer geht es darum, dass die Materialen Licht durchscheinen lassen oder reflektieren. Sie erinnern sich an das "Fließende Licht der Gottheit". Vielleicht reicht das um Sie neugierig zu machen.

Es ist schön und mutig moderne Kunst in die Kirche zu bringen. Früher war die Kunst, die Biblia Pauperum, das Buch, die Bibel der Armen, die die Bibel nicht lesen konnten, aber deren Inhalt dank der Bilder verstehen und erleben konnten. ( Einige, gerade reformierten Vorstellungen zum Opfer gefallene Kunstwerke sind ja hier wieder erlebbar geworden.) Für heutige Kunst muss man sich deren Alphabet erschließen, um sie zu verstehen. Man kann aber auch wie damals das Herz öffnen und das Gesehene und Geschaute wirken lassen.