Hiltrud Schäfer

von Hiltrut Schäfer

Kunst im öffentlichen Raum ist ein fester Begriff, ein Sammelbegriff für Kunstwerke verschiedener Stile und Epochen, die im kommunalen öffentlichen Raum - also Straßen, Plätzen, Parks - von jedermann zu erleben sind. Dazu gehören Reiterstandbilder und Brunnen ebenso wie zeitgenössische Kunst. Sie alle kennen als Beispiele wahrscheinlich die Nanas der Niki de Saint Phalle in Hannover, aber auch den Harmannsbrunnen in Osnabrück, um zwei gegensätzliche Objekte der Kunst im öffentlichen Raum zu benennen. Ihnen allen in Erinnerung ist wahrscheinlich auch die Reichstagsverpackung von Christo in Berlin. Der öffentliche Raum ist also der nicht private Raum, der Nicht-Museumsraum einer Kommune. Wendet man diese Definition auf die Arbeiten von Sigrun Menzel an, so sind ihre Arbeiten im eigentlichen Sinne keine "Kunst im Öffentlichen Raum", aber im "offenen Raum", sie sind künstlerische temporäre Interventionen in den Außenraum. Mit oft minimalen Mitteln - einem Hauch von roter ungesponnener Wolle, Liebesperlen, dünnen Messingfäden, Wasser gefüllten Plastikbeuteln oder ähnlichen Materialien - greift sie in den Außenraum ein, lädt den Raum oder das Objekt mit Bedeutung auf, versucht durch sinnliche Reize die Aufmerksamkeit des Betrachters auf ein Objekt oder einen Raum zu lenken, wobei das Objekt häufig ein so alltäglicher profaner Gegenstand ist wie ein Kanalrohr, altes Gemäuer oder - wie hier - ein Hochspannungsmast. So findet man einen winzigen Tupfer leuchtend roter Rohwolle in Mauerfugen alter Gebäude, in Baumrinden, in Kanalisationsrohren einer Straßenbaustelle. Oder hauchdünne Messingdrähte gespannt zwischen die Äste einer Baumgruppe, winzige farbige Liebesperlen in Blütenkelchen und Teerfugen usw. Wie schon gesagt; immer sind es unspektakuläre Materialien, mit denen sie auf eigentlich unspektakuläre Orte aufmerksam macht. So auch mit ihrer Arbeit "Luftlicht", die Sigrun Menzel heute hier mit ihrer Fotodokumentation vorstellt. Der Ort: die A30, Am Osteresch, der Stahlgittermast 0042. Wer hält schon einen Hochspannungsmast für einen geeigneten Ort, eine künstlerische Idee umzusetzen? Sigrun Menzel tut eben das und schafft eine Installation mit 300 gefüllten Plastikbeuteln, die - an dem Mast aufgehängt - einen hohen ästhetischen Reiz entwickeln. Wie Perlen an einer Schnur hängen sie an den Metallbalken, glitzern und blinken und leuchten in der Sonne, spiegeln die Landschaft in den jeweiligen Farben der Jahreszeiten und verwandeln den technischen Mast in einen Ort der Poesie: LICHT - LUFTLICHT.

Mit ihrer Installation betont sie auf besondere Weise die Ästhetik der Technik. Mit dem Lauf der Tropfen von oben nach unten wird eine Linie im Stahlgitter betont. Man folgt den Zickzacklinien von Punkt zu Punkt wie beim Lesen von Zeilen. Sigrun

Menzel hat die große Fähigkeit, ihre eigenen künstlerischen Arbeiten mit Fotos zu dokumentieren, die mit besonderem Blick ausgesuchte Details festhalten. Die Fotos als solche sind schon ein Kunstgenuss. Dadurch eröffnet sie dem Betrachter eine zweite Ebene ihrer großen Außenarbeiten, nämlich den Mikrokosmos, der nicht immer von allen wahrgenommen wird. Sie bewegt sich mit den Außeninstallationen und den Fotos zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Und so kann man anhand der hervorragenden Fotos die Kunstinstallation nachvollziehen, ohne sie vor Ort gesehen zu haben. Das ist besonders wichtig, da alle Interventionen der Künstlerin im Außenraum befristet, also temporär sind. Mit ihren Außenarbeiten erreicht sie ein heterogenes Publikum, das auf verschiedenen Ebenen eher zufällig erreicht wird. Sie arbeitet nicht für den geschützten Museumsraum, in dem der Betrachter gezielt und bewusst angesprochen wird. Richten sich also ihre Installationen an kein konkretes Publikum, sondern eher an den zufälligen Passanten, der vielleicht durch die kleinen Eingriffe irritiert stehen bleibt, so kann die Künstlerin mit den Fotos auch ein fachkundiges Publikum erreichen.

Sigrun Menzel arbeitet im Brotberuf als Therapeutin, verfolgt aber die Durchsetzung ihrer künstlerischen Ideen mit großer Ausdauer und hoher Intensität. Hat sie eine Idee entwickelt, so ist sie von der Aussagekraft und sinnlichen Wirkung ihrer Arbeit so überzeugt, dass es ihr immer wieder gelingt, Menschen für ihre Idee zu gewinnen. So hat sie schon an vielen Orten der Bundesrepublik gearbeitet, wie Sie ihrer Biografie entnehmen können. Ihre Triebfeder ist ihre eigene Begeisterung, die sich dem Zuhörer mitteilt. Wenn man bei ihren oft poetischen Arbeiten die Poesie selber zu Wort kommen lassen will, würde Eichendorfs Gedicht passen: "Es schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort" - So hat sie hier den Hochspannungsmast von einem technischen Gegenstand in ein poetisches Kunstobjekt verwandelt. Nach ihrer Vorgehensweise befragt, sagt Sigrun Menzel: "Dahinter steht die Idee der Catena Aurea, der goldenen Weltkette, jener mythischen goldenen Kette, an der jedes Leben seinen Platz hat und mit dem anderen verbunden ist." Zu Beginn einer Arbeit steht immer eine Geschichte oder eine Idee, die - wie sie sagt - unvermittelt kommt, als gehe eine Tür auf. "Eine Idee wird mir einfach geschenkt, nicht immer kann ich erklären, wie sie zu mir kommt." Mit Leidenschaft , unabhängig und von keiner kunstakademischen Schule eingeengt verfolgt sie unbeirrt ihren Weg als Künstlerin nach der Maßgabe: Erweitere Deine Grenzen und überrasche Dich selbst.

Hiltrud Schäfer, Februar 2010