"Liebesperle Sanspareill"

Ansprache von Dr. Peter Krückmann

Dr. Peter Krückmann: Ein Kunstprojekt für den Felsengarten Sanspareil von Sigrun Menzel

Der Name Sigrun Menzel ist in der deutschen Kunstszene durch das Projekt Liebesperlen kullern durch die Republik bekannt geworden. Das tun die Liebesperlen nun schon seit einigen Jahren. Die in Osnabrück lebende Künstlerin benutzt sie tütenweise, die kleinen bunten Zuckerkügelchen, mit denen Torten und Gebäck bestreut werden.

Wie es zu dieser verwunderlichen Bezeichnung kam, darüber gibt der Duden leider keine Auskunft. Doch immerhin wissen wir nun, dass „Liebesperlen" ein anerkannter Fachausdruck aus dem Bäckergewerbe ist. Dass Sigrun Menzel auf die Idee kam. Liebesperlen zum Gegenstand ihrer künstlerischen Arbeit zu machen, grenzt schon fast an Genialität. Wer hätte je gedacht, was für eine Fülle an Assoziationen, welches Potenzial an Poesie in diesen kleinen Dingern und ihrem reizenden Namen steckt. Wer außer Sigrun Menzel! Und was haben sie in Sanspareil zu suchen?

Sanspareil ist etwa 25 Kilometer westlich von Bayreuth gelegen. Der Name geht auf einen Begleiter des Markgrafen Friedrich von Bayreuth zurück, der beim Anblick der skurrilen Tuffsteingebilde, die sich dort erheben, voll Entzücken ausrief: „C'est sans pareil!" - Das ist ohne gleichen. Seitdem sind über zweihundertfünfzig Jahre vergangen. Und auch heute noch kann sich niemand der suggestiven Wirkung dieses zauberhaften Fleckchens Erde entziehen. Während Friedrich dort ein attraktives Jagdrevier vorfand, hatte seine Gattin, die legendere Markgräfin Wilhelmine, die Lieblingsschwester König Friedrichs des Großen von Preußen, ganz andere Visionen. Sie hatte schnell die Idee gefasst, dort einen Garten nach femöstlichem Vorbild anzulegen. Es bedurfte in der Tat nur wenig Phantasie, in den vom Wind verschliffenen Felsen jene Gebilde wiederzuerkennen, die bis heute in unserer Vorstellung chinesische und japanische Landschaft prägen. Für Wilhelmine muss es eine Offenbarung gewesen sein, als sie dieses Naturschauspiel entdeckte, denn seit ihrer Kindheit in Berlin waren ihr japanische Lackkabinette und chinesische Pagodenzimmer aufs engste vertraut. Auch Bayreuth machte sie zu einem Zentrum der Chinamode in Deutschland. Dass die Schaffung dieses exotischen Kleinods, zu dem auch noch eine kleine Schlossanlage, die mittelalterliche Burg Zwemitz, chinesische Aussichtspavillons und ein römisches Ruinentheater gehören, so zügig voranging, hat einen ganz konkreten Grund. Denn schon wenige Jahre nach der „Entdeckung" des Felsengartens sollte 1748 die Hochzeit

des einzigen Kindes des Markgrafenpaares, der Prinzessin Friederike, mit Herzog Carl Eugen von Württemberg stattfinden. Dies wurde das größte Fest, das jemals in der Residenzstadt Bayreuth gefeiert wurde. Und als einen Höhepunkt der Festlichkeiten war auch ein Ausflug nach Sanspareil geplant. Daraus wurde nichts. Die originelle Attraktion, die man sich für diesen Besuch hat einfallen lassen, hat indes bis heute überlebt. Die Benennung der zahlreichen Felsen, Höhlen und Schluchten nach den Stationen, die der antike Held Telemach auf seiner Irrreise aufgesucht hat. Fenelons Roman gleichen Namens war eines der beliebtesten Bücher des 18. Jahrhunderts. Telemach war das Urbild eines jungen, seinen spontanen Emotionen ganz hingegebenen Feuerkopfs, der auf seiner Lebensreise zu einem reifen Mann heranwächst.

Liebesperlen Nonpareille - Liebesperlen Sanspareil: ein Wortspiel, das beides mal das gleiche ausdrückt: Liebesperlen ohnegleichen. In Sanspareil besteht das Projekt aus mehreren Teilen. Da sind zum einen die Photos, die im Morgenländischen Bau ausgestellt sind. Sie zeigen Blüten, in denen die kleinen Liebesperlen herausschimmem. Gerade so, als wären sie die Blumensamen, die aus der Schönheit der Blüten herauskullem, sich so immer weiter vermehren und die gewiss ganz idealistische Botschaft, dass dort, wo die Liebe aufblüht, sich die Welt in Schönheit verwandelt, immer weiter tragen.

Da ist aber auch ein feiner, glitzernder Metallfaden, der durch den Park gespannt ist. Man wird ihn kaum finden, wenn man ihn dort sucht. Auch dies ein poetisches Bild. Er folgt der abenteuerlichen Lebensreise des Telemach, zugleich steht er aber auch für unser eigenes Leben. Ich persönlich sehe den Metallfaden - entsprechend meiner eigenen Lebensphilosophie - als Bild, dass jedes Leben von einem fast magischen Leitfaden zusammengehalten und geleitet wird. Man kann ihn wohl schnell aus den Augen verlieren und auf vermeintliche Abwege geraten. Wenn man sich aber gewiss ist, dass es ihn gibt, ihn wirklich gibt, dann können einen Anfechtungen und Niederlagen kaum mehr etwas anhaben. Und am Ziel angekommen stellt man fest, dass der Sinn des Lebens das Leben ist.

Dr. Peter 0. Krückmann Bayerische Schlösserverwaltung

Das Kunstprojekt von Sigrun Menzel wurde anlässlich der Bayreuther Residenztage 2005 im Morgenländischen Bau und im Felsengarten Sanspareil realisiert. Zu besichtigen ist es vom Freitag, den 16. September, bis Sonntag, den 25. September 2005.