Schnurstracks und Goldrichtich

Laudatio Fr. Dr. Uta Jenschke

(Ltg. des Otto_Modersohn-Museums Tecklenburg)
Liebe Wegbegleiter,
ich möchte hier an unserer ersten Station gar nicht allzu viele Worte machen oder noch viel schlimmer, die Aura dieses besonderen Ortes gar zerreden.
Lassen Sie mich vielleicht nur ein paar herantastende Worte dazu äußern, und vor allem der Künstlerin Sigrun Menzel ganz enthusiastisch danken, dass sie Tecklenburg um diesen so schönen geheimnisvollen Ort bereichert hat.
Die Kunstinstallation „ Schnurstracks & Goldrichtich“ eröffnet uns schon durch ihren reizvollen lautmalerischen Wortklang (schnurstracks & goldrichtich) erste Bezüge zum Kunstwerk. Schnur/Linie/Gold aber auch ‚stracks’ und ‚richtich’, die das Erfassen, Erklimmen, Nachvollziehen einer geradwegigen unmittelbaren Richtigkeit fast Zwangsläufigkeit simulieren.
Denn Sigrun Menzel hat hier etwas zu Tage gefördert, was für sie längst hier versteckt, noch nicht sichtbar, da war.
Die Kunst als Ausdrucksmittel des Unsichtbaren.
Der vorgefundene Ort hat sie dazu inspiriert diese 131 Stufen zuerst zu reinigen, dann mit einer honiggelben Grundierungsfarbe und anschließend mit variierenden Blattgold-Rechtecken zu belegen.
Dieses strahlende Band gerade an dieser Stelle, die so viele Stunden am Tag wenig Licht, Sonne erhält, auch Düsternis verströmt, war von besonderem Belang. Gerade die Unwirtlichkeit des Raumes mit dieser Kostbarkeit zu schmücken, erhöht den Reiz, es ist kein gefälliger Umraum, der einfach nur ein bisschen mit einem Edelmetall dekoriert wird.
Entstanden ist hier eine feinfühlige ästhetische Setzung eines vergänglichen Objektes in der Natur. Der Einfluss der Natur auf das Kunstwerk ist von großer Relevanz. Die Stufen geben die Rhythmisierung des Bandes vor.
So fällt das Band von oben/im oberen Bereich in einer fast schnelleren da größeren Steilheit kaskadenhaft herab. Und es ist eine Linie mit einem Knick. Eine 100% Geradlinigkeit wäre tot, es ist eine lebendige Linie, ein freies Element.
Ein auch ganz wichtiger Aspekt dieses Kunstwerk sind wir alle, die Betrachter. So ist Ihnen vielleicht schon vorhin aufgefallen, wenn wir uns von der Seite nähern, erscheinen die Gold-Applikationen als einzelne Würfel, in der/dieser Frontalansicht verschmelzen sie zu einem Streifen. Von oben herabgesehen ist es wiederum eine gelöste Formation von Stäbchen.
Sigrun Menzel gibt mit ihrer Natur-Kunst die Artefakte der Natur wieder zurück. Gold ist ein in der Natur vorkommendes Material, gleichzeitig zieht sich die Magie des Goldes als glitzernder Faden durch die Menschheitsgeschichte. Es ist gleichsam ein Archetyp: Gold als in der Erde geborenes Licht, verleiht es hier diesem Ort eine neue Mystik und eine spirituell beeinflusste Wahrnehmung.
Wenn man dieses Kunstwerk sehen möchte, muss man sich auf eine äußere und innere Reise begeben. Unter freiem Himmel, nachdem man einen Fußmarsch absolviert hat und unter ständig sich verändernden Wetterbedingungen. So zeigt sich das Goldband unter direkter Sonneneinstrahlung als immaterielle Sphäre, es löst sich optisch auf, bei Regenwetter ist der Goldgelbton besonders hervorgehoben, durch das durchnässte und damit dunklere Holz erhöht sich der Kontrast, wie mag es erst im Winter oder mit Raureif überzogen wirken?
Die Kunstinstallation ist naturgemäß einer ständigen Prozesshaftigkeit und Dynamik unterworfen. Die Veränderung, die Witterung, Wetter und Aneignung und Benutzung durch die Menschen mit sich bringen ist Teil des Kunstwerks. Die Vergänglichkeit ist bei dieser engen Symbiose von Natur und Kunst implizit.
Aber Sigrun Menzel würde zu gern auch immer wieder für Neuerung, eine Wiederbelebung dieses magischen Ortes sorgen, deswegen möchte ich unbedingt mit dem Hinweis schließen, dass Unterstützer gesucht sind, die den Erhalt der goldenen Waldtreppe auch in Zukunft mit gold- oder geldwerten Mitteln ermöglichen.